Oder: Taugt ein Pornofilm als Kindheitserinnerung?

Seit ich mich erinnern kann begleitet mich eine ganz bestimmte Filmszene, genauer gesagt, ein bestimmter Satz aus einer Filmszene. Nicht was ihr jetzt denkt, etwa eine Szene aus „Die unendliche Geschichte“ „Star Trek“ oder „Indiana Jones“.

Nein, weit gefehlt. Meine Filmszene spielt in einem 70er Jahre Wohnzimmer. Eine Frau, gewelltes Haar, mit weit ausgeschnittener Bluse unter der sich ihre kleinen Brüste abzeichnen und praktischem Rock bekleidet, bekommt Besuch von 2 Männern. Die Atmosphäre ist entspannt und die Protagonisten machen keinen Hehl aus ihrer gegenseitigen Anziehung.

Im Hintergrund läuft seichte Entspannungsmusik, wie man sie aus Fahrstühlen kennt. Man setzt sich aufs Sofa und spricht über – hab ich vergessen und ist auch nicht so wichtig. Einer der Männer verlässt den Raum um Getränke zu holen.

Und jetzt kommt er, DER Satz, den ich mit einem leicht dümmlichen Gesichtsausdruck immer dann zum Besten gebe, wenn ich besonders lustig sein möchte. Blöd nur, dass außer mir den Witz keiner versteht. Ich merke das aber nicht, da ich in diesen Momenten schon angeschickert bin.

Weiter gehts: Als alle 3 wieder beisammen auf dem Sofa sitzen bittet die Frau einen der Männer – Mr. John Holmes (erinnert sich irgendwer?) – doch bitte die Balkontür zu schließen. Er sieht sie an, ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel als er schließlich sagt: Das mach ich doch glatt. (< DER Satz) steht auf, seine im Schritt eng geschnittene Schlaghose lässt erahnen woher sein Ruf rührt, schlendert lässig zur Balkontür und schließt sie.

Der Rest des Films ist – für mich – Kindheitserinnerung. 9 Jahre war ich alt, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. 3 Episoden á 15 Minuten mit natürlichen wildbehaarten Frauen und Männern. Der Film stammt aus der Schwedisch Erotica Reihe, mit Tante Peggy und John Holmes…

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Bei manchen Pornos werde ich sentimental

Zugegeben, ich werde da etwas sentimental. Viele Male habe ich diesen und weitere Pornofilme aus der Sammlung meiner sinnesfreudigen Verwandtschaft gesehen. Doch keiner ist mir so gut in Erinnerung geblieben, wie dieser.
Tja, liegt vermutlich am 1. Mal.

Lustigerweise habe ich die VHS Kassette immer noch. Angesehen habe ich mir den Film aber zuletzt vor bald 30 Jahren. Erstens mangelt es mir an einem VHS Player und zweitens haben sich die Geschmäcker seither doch wesentlich verändert und ich möchte mir meine verklärte, gefühlsselige Erinnerung nicht ruinieren.

Damals war es bei uns auf dem Land nicht weit her mit Frauenrechten. Darüber habe ich mir, in dem Alter sowieso, keine Gedanken gemacht. Alle Erwachsenen um mich rum aber genauso wenig.

Ich hatte eine vergnügliche Kindheit

Meine Schwester und ich sind sehr glücklich und naturnah aufgewachsen. Mit fleißigen Eltern und Großeltern nebenan. Wäre da nicht unser etwas verruchter Onkel gewesen, wäre unsere Kindheit ganz normal abgelaufen.

Mein Onkel war ein attraktiver Mann. Vom Typ her ein Alain Delon. Und, mein Onkel wusste sein Aussehen einzusetzen und durfte viele Frauen beglücken. Besonders angetan hatten es ihm Frauen mit üppiger Figur und großen Brüsten. Sie sonnten sich gelegentlich oben ohne im Garten meiner Oma, was mir als Kind die Gelegenheit gab, die großen Büstenhalter zu stibitzen, sie mir wie eine Hose anzuziehen und unter lautem Gelächter, der meist anwesenden Freunde meines Onkels, durch den Garten zu rennen. Da war ich vielleicht fünf.

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Ich konnte wunderbar schweinische Reime aufsagen. Zum Glück sind mir diese entfallen. Heute will ich gar nicht mehr wissen, was ich damals Furchtbares von mir gegeben habe. Die Zeiten waren wohl anders und es hat sich niemand Gedanken darum gemacht, ob das gut oder schlecht für das kindliche Seelenheil ist.

Die kesse Pornosammlung habe ich eines Tages beim – zufälligen – Durchsuchen der Schränke meines Onkels gefunden. Meine Schwester und ich waren allein zu Hause. Von Neugier und schätzungsweise der Vermutung getrieben, dass mein Onkel irgendetwas vor uns versteckte, bin ich schließlich über die Kassetten gestolpert. Wann immer ich mir heimlich die Filme ansah, war das mit einem besonderen Kick verbunden. Schließlich durfte niemand wissen, was ich da tat. Damals hatten die Videorekorder noch ein Zählwerk, also musste man, bevor die Verwandtschaft wieder zu Hause eintrudelte, den Rekorder zur richtigen Stelle spulen. Wie aufregend!

Kein Vergleich zu heute, wo jeder Jugendliche wann immer er möchte Pornos konsumieren kann. Ich konnte damit später in der Pubertät immerhin noch damit angeben, meine Freundinnen kannten nämlich solche Filme nicht.

Haben mir die Pornos geschadet?

Nein, ich denke eher nicht. Ich habe im Gegenteil ein recht sinnliches Verhältnis zu meinem Körper entwickelt. Von meinem ersten Gehalt in meiner Ausbildung, mit 16, habe ich mir lilafarbene Spitzenunterwäsche von Lejaby gekauft. Für mich war das unfassbarer Luxus und ich habe mich darin herrlich gefühlt. Mit Männern intim zu werden, war für mich damals noch kein Thema. Diese Unterwäsche war ein Geschenk ganz allein für mich.

Die Liebe zu schöner und sexy Wäsche ist geblieben und die zu Männern kam im Laufe der nachfolgenden Jahre. Ich war immer experimentierfreudig und neugierig, ob das an den Pornos lag oder an dem offenen Umgang mit Sexualität in unserer Familie, kann ich nicht sagen. Die Filme haben jedenfalls nicht meine Sicht auf weibliche Lust und Sinnlichkeit negativ beeinflusst. Ich habe mich mit mir und meiner Sexualität immer wohl gefühlt.

Pornofilme sind soooo langweilig

Wenn es heute mal vor kommt, dass ich in einen Porno reinschaue, finde ich ihn langweilig. Schließlich entwickeln sich im Laufe eines Lebens die Vorlieben und mir scheint, die Filme sind in ihrer Darstellung NOCH frauenfeindlicher geworden. Im Übrigen habe ich das Gefühl schon alles gesehen zu haben was moralisch nicht total verwerflich – oder für mich besonders eklig ist. Außerdem fehlt mir die Geduld und Lust unter den Millionen von Filmen einen rauszusuchen, der mir gefallen könnte.

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Von dem weitreichenden frauenrechtlichen Problem, das ich mittlerweile mit der Branche habe, ganz zu schweigen. Wenn ich so drüber nachdenke, ist das der Hauptgrund für mein pornografisches Desinteresse.

Ich weiß, es gibt Pornos für Frauen. Darüber kann ich nicht viel sagen. Die zwei, die ich mir mal angesehen habe, waren für mich zu nett, viel zu nett. Und etwas, was ein Porno für mich auf keinen Fall sein sollte, ist nett.

Wenn es um das Anregen meiner Phantasie geht, kann ich mir auch gut vorstellen, erotische Hörbücher zu hören. Habe ich noch nie ausprobiert, ist aber definitiv einen Versuch wert. Wenn es dazu kommt, werde ich berichten.

Warum schaut man sich sowas überhaupt an?

Für mich sind Pornos immer reine Luststimuli gewesen. Manchmal haben sie mir und auch meinem Partner geholfen richtig in Stimmung zu kommen. Schließt man die Augen, hat man das Gefühl als wären da noch andere Leute, die auch grade Sex haben. Das kann erregend sein.

War ich allein, ging es nur um mich: Film anmachen, Hirn ausschalten und sich gehen lassen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Sobald der Verstand dazu kommt, ist bei mir nämlich Schluss mit Porno.

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