Neulich – beim Durchforsten meiner Fotos auf dem Laptop bin ich auf alte Super 8 Filme gestoßen, eindigitalisiert von meinem Vater für unsere Hochzeit. Es müssen einige Rollen gewesen sein. Die einzelnen kurzen Filme gehen nahtlos ineinander über.  
Eine Kindheit im Zeitraffer. Wir zwei Schwestern als kleine Mädchen bei den ersten Schifahrversuchen, im Tiefschnee vor unserer Almhütte. Ich beim Kühe treiben, wir beide, wie wir die Wiesen runterrollen. Viele Erinnerungen an unsere Bilderbuch Sommer auf der Alm. Dem happy place meiner Kindheit und dem heutigen Sehnsuchtsort, wenn mir alles zu viel wird.

Sie sah sehr süß aus mit ihren großen blauen Augen um die ich sie noch immer beneide, dazu das Puppengesicht mit den rosigen Wangen. Ihre Haare zu einem hübschen Bob geschnitten. Bei ihr hat sich unsere Mutter, was die Frisur angeht, eindeutig mehr Mühe gegeben. Ich sah eher seltsam aus. Vermutlich habe ich beim Haareschneiden die ganze Zeit rumgehampelt. Stillsitzen hat nicht zu meinen vorrangigen Attributen gehört. Ich schätze, meine Mutter hat irgendwann einfach aufgegeben.

Meine Schwester und ich sind in Kärnten in einem kleinen Dorf groß geworden. Sie, die Ältere, zwei Jahre trennen uns und ich, die ich eigentlich ein Junge hätte werden sollen.

Meine Erinnerungen an unsere frühe Kinderzeit sind nicht sehr ausgeprägt aber ich weiß, dass wir eine idyllische Kindheit hatten. Sehr naturverbunden, da wir viel auf der Almhütte waren und Zeit mit Spielen im Wald und den Kühen aus den Sennhütten verbrachten. In unsere Hütte kamen wir nur zum Essen und abends, wenn es dunkel wurde.
Als ich noch klein war, hat meine Schwester mich wohl auch liebevoll umsorgt. Zumindest behaupten das meine Eltern 🙂

Unsere Rollenverteilung war recht typisch. Sie als Ältere, vernünftig, ruhig und sanft (zumindest bis zur Pubertät) Ich, burschikos und ein Wildfang.

In der Pubertät wurde dann aus der Sanftmütigen eine Streiterin für die Unterdrückten. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte prangte im Zimmer meiner großen Schwester und sie wurde nicht müde, bei Diskussionen mit meinen Eltern darauf zu verweisen.

Ich glaube, ich habe sie dafür bewundert. Sie hat immer eine starke Meinung vertreten, die sie leidenschaftlich verteidigt hat und es auch heute noch tut.

Schwestern

Schwestern – zwischen Nähe und Distanz

Natürlich haben wir gestritten und uns auch gehauen. Haben ausprobiert, wie weit wir gehen konnten. Und waren wirklich oft nicht nett zu einander. Ganz normale Geschwister eben.

Ich erinnere mich noch gut daran, als sich meine Schwester eines Abends an einer Gräte verschluckt hatte, keine Luft mehr bekam und sich ihre Lippen blau verfärbten.
Auch heute fühle ich noch die Panik meiner Mutter und die verzweifelten Versuche meines Vaters ihr zu helfen. Es war als wäre ich die einzige Zuschauerin in unserem ganz persönlichen Familiendrama. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie wichtig sie mir war. Ich weiß, ich war geschockt, habe geweint und hatte riesige Angst, sie zu verlieren. Dazu die Ohnmacht nichts tun zu können. Dieses Erlebnis hat sich bei uns allen eingebrannt und wir haben gespürt, wie knapp die Sache war.

Ob wir je eifersüchtig auf einander waren, wie das oft Geschwistern nachgesagt wird, die keinen großen Altersunterschied haben, kann ich gar nicht sagen. Ich erinnere mich jedenfalls nicht daran, mich je in Konkurrenz zu ihr gesehen zu haben. Wie es ihr ging weiß ich aber nicht. Ich war, als Jüngere eher genervt von den Erwachsenen, weil sie mir weniger zugetraut haben.

In der Pubertät hat jede von uns ihren Platz gesucht, in der Familie und der Gesellschaft in der wir wohnten. Wir haben uns auseinandergelebt. Dazu kam, dass ich mit 15 an juveniler Arthritis und Rheuma erkrankt bin. Schule, Freunde, Krankheit haben meine volle Aufmerksamkeit gefordert und plötzlich, als meine Schwester 18 wurde, ist sie ausgezogen um als Au-pair Mädchen in London zu leben.

Familienbande

Meine Schwester, die Engländerin

Seit 30 Jahren lebt sie nun dort. Mittlerweile ist sie viel mehr Engländerin als Österreicherin. Wenn sie beim Sprechen wortwörtlich aus dem Englischen übersetzt, klingt es oft lustig und ergibt manchmal wenig Sinn. Ich finde das sehr charmant und auch ein klein bisschen schrullig.

Durch die Entfernung wurde unser Kontakt in den ersten Jahren immer weniger. Die Telefonate sind selten geworden und noch seltener sahen wir uns. Ich war weiterhin mit meinen eigenen Themen beschäftigt, viel krank und oft auch traurig. Damals habe ich meine Schwester sehr vermisst, auch wenn mir das erst im Nachhinein so richtig bewusst geworden ist. Ich habe mich verlassen gefühlt.

Daß sie nach dem Aupair Jahr in England bleiben wollte, weil sie einen Mann kennengelernt hatte, der aussah „wie eine Schildkröte“, hat sie mir aber als Erstes erzählt.

Die Wahrnehmung ist ganz unterschiedlich

Wenn ich heute mit meiner Schwester über längst vergangene Ereignisse spreche, fällt mir auf, dass wir oft eine unterschiedliche Erinnerung und Wahrnehmung von den selben Begebenheiten aus unserer Kindheit oder Jugend haben.

Die unter euch, die Geschwister haben, kennen das sicher. Ich bin oft erstaunt darüber, dass ich die gleichen Erlebnisse anders in Erinnerung habe und auch mit ganz anderen Emotionen verbinde. Es ist erstaunlich. Manchmal kommt es mir so vor, als wären wir getrennt voneinander aufgewachsen. Andererseits ist es auch spannend, die Erlebnisse von ihrem Standpunkt aus zu betrachten, was sogar zu neuen Erkenntnissen führen kann. 🙂

Vermutlich wird das meinen Söhnen eines Tages auch so gehen. Dabei bilde ich mir ein, sie alle ähnlich erzogen zu haben. Aber ich schätze, was Erinnerung und Wahrnehmung angeht, spielt der individuelle Charakter und die Erfahrungen die wir unabhängig voneinander machen, eine große Rolle bei der Beurteilung von Erlebnissen, die lange zurück liegen.

Und natürlich bewerten wir oft ohne es zu merken Vergangenes aus unserer heutigen Perspektive. Das ist wohl zutiefst menschlich.

Schwestern - für immer und ewig

Konsequent und willensstark

Seit Beginn unserer 20er haben wir uns teilweise nur einmal in 2 Jahren gesehen. Unsere Leben haben sich sehr unterschiedlich entwickelt, wie das bei Geschwistern oft der Fall ist. Ich bin nach Deutschland gezogen, habe geheiratet und Kinder bekommen. Sie ist viele Male in England umgezogen und hat sich beruflich etabliert.

Seit fast 30 Jahren lebt sie vegetarisch und kauft fast ausschließlich Second -Hand Kleidung. Da ist sie wieder, diese Konsequenz, die ich sehr an ihr bewundere. Überhaupt, hat sie ihre starke Meinung beibehalten, da sind wir uns ähnlich. Wir beide sind meinungsstark und manchmal dominant. Und wir sind beide Skorpione 🙂

Meine Schwester und ich telefonieren nach wie vor selten. Seit sie weg ist, war es nie anders. Es ist lustig, wäre sie nicht meine Schwester, würden wir uns womöglich gar nicht kennen. Wir waren immer so unterschiedlich, ich glaube nicht, dass sich unsere Lebensbereiche je überschnitten hätten. Von der Entfernung natürlich ganz abgesehen.

Heute fühle ich mich ihr näher

Seit wir beide älter sind, liegt mir an unserem Kontakt mehr und ich möchte ihn gerne intensivieren. Heute kann ich viel mehr die Frau akzeptieren, die sie geworden ist.

Früher ist mir das nicht so gut gelungen, ich glaube, ich wollte ihr zu oft meine Meinung aufdrängen und war ihr gegenüber wenig tolerant. Zum Glück hat sich das geändert und heute finde ich es toll, sie als Schwester zu haben. Sie ist ganz anders, als jede Frau die ich kenne. Ihre Art zu denken und zu handeln ist einzigartig.

Meine Schwester ist ein sehr großzügiger Mensch und hilft wo sie kann, wenn sie gebraucht wird. Fremden, Freunden und auch mir. Bei ihr weiß ich, dass sie immer da sein wird. Wir wenden uns nie voneinander ab. Es ist diese Beständigkeit, die man bei sehr guten Freunden und der engsten Familie spürt. Wenn wir uns sehen, ist alles gleich wieder gut – so wie es immer war.

Schwestern Geschwister

Sind alle zusammen übernimmt die Familiendynamik

Wenn wir alle beisammen sind, meine Eltern aus Österreich, meine Schwester aus England, übernimmt sofort die alte Familiendynamik und wir alle nehmen zuverlässig unsere Plätze ein. Früher hat mich das gestört, heute finde ich es skurril und es macht mir wenig aus.

Wie viele Familien haben auch wir eine bestimmte Sicht auf die Welt, Rituale und einen familieninternen Humor. Das ist schon lustig, wenn ich es mal von außen betrachte.

Egal ob wir uns häufig sehen und sprechen oder dies nur ganz selten tun, es fühlt sich gut an diese familiäre Nähe zu spüren und zu wissen, dass es jemanden gibt, mit dem man Humor, Erinnerungen und Werte teilt.

Ich bin sehr dankbar, dass ich sie habe und ich weiß, wir werden einander immer unterstützen und da sein, wenn wir uns brauchen.

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